Tamara Minder

Geistliches Wort

catkin-memory-2021124 (Foto: www.pixabay.com (Catkin))

Getragen durch das Leben.
Ich gehe den langen Flur im Pflegeheim entlang, in dem es nach Kaffee riecht, nach Desinfektionsmittel und ein bisschen nach Erinnerung. Dann klopfe ich an eine Zimmertür. Innerlich bereite ich mich auf die 96 Jahre alte Frau vor, die erst seit einigen Tagen hier lebt. 96 Jahre Leben.

Als ich in das Zimmer eintrete, schaut mich eine zierliche Frau an, ihre Augen vom grauen Star leicht verschleiert, die Hörgeräte sauber hinter den Ohren platziert. Nach der Begrüssung sagt sie ruhig und klar: „Ich habe so viel Grund, dankbar zu sein.“

Ich setzte mich zu ihr und sie beginnt zu erzählen. Sie spricht von ihrem Elternhaus, in dem sie behütet aufgewachsen ist, davon, dass sie eine Berufslehre machen durfte und einen Arbeitsplatz fand, der sie erfüllte. Sie erzählt von ihrem Mann, der für sie ein grosser Segen war. Einer, der sie nicht klein hielt und sie nicht bevormundete. Dann kamen die Kinder: zwei Söhne, auf die sie sichtbar stolz ist, auch wenn ihre Wege nicht immer „gradlinig“ verliefen. Und sie spricht auch von ihren Enkeln. Von jungen Leben voller Elan, die sich ausprobieren und ihr Eigenes finden wollen.

Schliesslich deutet sie auf ihre Bluse. Eine Pflegerin habe ihr am Morgen erklärt, welches Kleidungsstück sie ihr anziehe: Ihre schönste Bluse, weiss und mit einem Rüschenkragen. Das habe sie berührt. Dass jemand sich Zeit nehme und achtsam sei. Dass jemand sie nicht einfach „versorge“, sondern liebevoll mit ihr umgehe. Und wieder sagt sie diesen Satz: „Ich habe so viel Grund, dankbar zu sein.“

Dieser Satz steht noch im Raum, als unser Gespräch langsam zum Ende kommt. Spontan fragt sie mich, ob ich ihr noch einen Psalm vorlesen könne. Ich schlage Psalm 103 auf: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“.

Während ich den Psalm vorlese, verstehe ich, dass genau das die Frau tut. Sie erinnert sich bewusst an das Gute. Mir wird klar, dass diese Dankbarkeit nichts mit einem einfachen und mühelosen Leben zu tun hat. Auch nicht mit einer naiven Fröhlichkeit. Dankbarkeit ist das Ergebnis eines langen Weges. Natürlich liegen auch dunkle Tage hinter ihr. Verluste, Enttäuschungen und Sorgen. Sechsundneunzig Jahre Leben lassen sich nicht ohne Dunkelstellen erzählen. Aber die Frau hat sich entschieden, nicht die Brüche anzuschauen, sondern das, was getragen hat und sie immer noch trägt. Es gibt ein Recht darauf, das Schwere nicht anzusehen, sondern dem Guten Raum zu geben.

Marie-Madeleine Minder, Vikarin



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